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Da fehlt doch was? Hank von Helvete (Ex-Turbonegro) und sein Vergleich von Homo-Ehe mit Sodomie

Posted in Allgemein

Ziemlich ausführlich und auch wohlwollend äußere ich mich in „Homopunk History“ zur norwegischen Rockband mit Punkhintergrund namens Turbonegro, die besonders in den Neunzigern ein interessantes Verwirrspiel um die angebliche Homosexualität der Bandmitglieder gespielt haben. Seit längerer Zeit geistert ein Zitat vom Ex-Sänger Hank von Helvete durchs Netz, in welchem er homosexuelle Ehen mit Sodomie vergleicht. Ich habe es bewusst nicht ins Buch genommen. Wieso ich es damals nicht getan habe und wie sich heute die Informationslage verändert hat, habe ich im Folgenden gebloggt.

Turbonegro gehört zu jenen Bands, durch die ich durch meine Arbeit am zum Fan geworden bin. Zwar „mochte“ ich sie irgendwie schon vorher und habe sie gelegentlich auch live gesehen, jedoch hat mich die Aura zwischen zu perfektionistischem Festivalrock und Nullerjahre-MTV, welche die Band für mich ausstrahlte, immer auch so ein bisschen abgeschreckt.

Nun funktioniere ich so, dass ich über Bands einen eher theoretischen Zugang finde und für mich Bands auch musikalisch interessanter werden, wenn sie inhaltlich irgendwas zu bieten haben. Ich erkannte, dass Turbonegro durchaus so etwas wie eine zweite Ebene haben. Wer sich mit der Band beschäftigt (wozu ich das Buch „Give Me Friction, Baby“ von Uta Heuser sehr empfehlen kann), merkt schnell, dass mehr hinter den Songs steckt als reiner Party- und Schockrock. Turbonegro verwenden wahnsinnig viele Pop-Zitate und Anspielungen in ihren Liedern und die Kombination aus profundem Rock- und Punkwissen mit eingängigen Rocksongs fand ich beeindruckend. Wahrscheinlich habe ich die Band zu sehr mit ihren Fans, besonders mit der Turbojugend gleich gesetzt, für den mal das Plastic Bomb die passende Bezeichnung „Spacken in Jacken“ gefunden hat und die für mich immer mit ihrer spießigen Verkrampftheit, demonstrativen Lustigkeit und Bierzeltigkeit mehr mit rheinischem Karneval als mit punkiger Subversion zu tun haben.

Einschränkend muss ich allerdings auch sagen, dass mich nur die Alben „Ass Cobra“ (1996) und mit Abstrichen „Apocalypse Dudes“ (1998) wirklich begeistert haben. Was davor und danach kam, läuft musikalisch eher so unter „ganz nett“ für mich. Aber gerade „Ass Cobra“ (auch gleich ihr „schwulstes“ Album, wenn man so will), ist eins meiner Lieblingsalben geworden. Diese Mischung aus ultraschwarzem Humor, dreckigen Garagepunk (als noch nicht jede zweite Band Garage-Punk gespielt hat) und dampfender Homoerotik begeisten mich nachhaltig. Allein dieses Album rechtfertig das relativ lange Kapitel im Buch.

Bei all dem schwebte jedoch immer was im Raum: Im Wikipedia-Eintrag von Turbonegro steht in der deutschen Fassung folgendes Hank von Helvete (Sänger von 1993 bis 2010 abzüglich Bandpause) zugeschriebenes Zitat von 2007, welches auch gelegentlich woanders aufgegriffen wurde:

„Wenn Schwule heiraten dürfen, kannst du genauso gut jedem, der es mag, Schafe zu ficken, erlauben, eins zu heiraten“

Obwohl die Aussage für „Homopunk History ziemlich relevant wäre, habe ich verzichtet, darauf einzugehen. Der Grund ist ganz einfach: Es gab damals keinen wirklichen Beleg für die Richtigkeit. Zunächst einmal ist der Link zur Quelle mausetot. Offenbar hat Hank von Helvete diese Aussage 2007 gegenüber www.kjendis.no getätigt und sicherlich nicht auf Deutsch. Diese Seite gehörte offenbar zur norwegischen Zeitung Dagbladet und ist schon länger off. Das Archiv von Dagbladet weißt zwar einige Einträge zu Hank von Helvete auf (Turbonegro haben eine gewisse Mainstream-Relevanz in Norwegen), aber geht nur zurück bis 2009. Daher konnte ich auch 1.) nicht sicher davon ausgehen, dass es richtig übersetzt wurde und 2.) überhaupt stattgefunden hat.

Irgendwann kam ich jedoch auf die Idee, einfach ein Internet-Archive zu durchsuchen und zu schauen, ob die Seite dort noch archiviert vorliegt. Das tut sie, allerdings ohne den dementsprechenden Artikel in voller Länge. Was sich im Internet Archiv findet, ist lediglich Überschrift und Teaser einer anschließenden Meldung ein paar Tage später:

Screenshot WaybackMachine

Laut Google Translate steht dort (sic!)

Sollte nicht mit Tiergeschlecht verglichen werden
Der Turboneger-Sänger bedauert die Aussage über die Schafstrümpfe.

Mit etwas Phantasie kann man wohl aus der holprigen Internet-Übersetzung schließen, dass eine Aussage in die Richtung getätigt wurde und Hank sie ein paar Tage darauf bedauert. Das ist aber immer noch der gesamte Informationsstand, den ich habe. Nicht genug, um jemanden der Homophobie zu bezichtigen, oder ein Gerücht zu reproduzieren, daher habe ich es (wie in einigen anderen Fällen) komplett rausgelassen.

Zwischenzeitlich hat sich die Welt jedoch weitergedreht. 2018 hat Hank von Helvete mit dem (meiner Meinung nach sehr mittelmäßigen Album) Egomania als Hank von Hell ein Comeback gestartet. Im Zuge dessen wurden einige seiner Fehltritte (so auch seine schon lange Scientology-Mitgliedschaft und seine noch nicht so bekannte Verbindung zu rechtsgerichteten Jugendgruppen) erneut thematisiert.

Das Ox-Zine hat sich in seiner Ausgabe #141 (in der übrigens auch ein schönes Interview mit mir drin ist, hüstel) Hank von Hell mal kritisch vorgeknöpft und auch auf seine homophoben Äußerungen angesprochen. Neben den streckenweise recht wirren Antworten sagt Hank unter anderem:

Ox: Sprechen wir über ein wirklich ernstes Thema: Dir werden unter anderem homophobe Aussagen vorgeworfen, die du vor ein paar Jahren getätigt hast. 

Hank von Hell: Okay, das hier geht an alle raus und ich möchte diese Aussage mit dem Offensichtlichen beginnen: Ich kann nicht rückgängig machen, was getan wurde. Ich bitte nicht um Mitleid und Vergebung. Und ich versuche nicht, irgendwelche Nebelkerzen zünden ... Es ist einfach so: In den vergangenen neun Jahren, beziehungsweise noch weiter zurückreichend, hatte ich meine Höhen und Tiefen. Ich habe Dinge gesagt, für die ich mich so schäme, dass ich eigentlich nicht einmal darüber reden will. Ich habe sie unter dem Einfluss von Drogen gesagt, aber auch nüchtern. In letzterem Fall waren meine Gedanken dann vielleicht etwas dunkler als normal. Und um ein paar Dinge klarzustellen: Ich bin kein Rechtsextremist, kein Rassist oder Faschist. Ich habe in der Tat – weil ich das auf eine verdrehte Art und Weise irgendwie für Ironie hielt – früher schon einige extrem ignorante Scherze gemacht und ich weiß nicht, was zum Teufel ich mir dabei gedacht habe. Und ja, um auf deine Frage zurückzukommen: Eine weitere, nicht ganz so brillante Sache war, als ich 2007 in einem Interview mit einem norwegischen Magazin einige sehr ekelhafte Dinge über die Community der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transmänner und Transfrauen sagte. Während des Interviews war ich betrunken und habe mich hinterher, ganz ehrlich, nicht mehr an das Gespräch erinnert – bis es schließlich veröffentlicht wurde. Man muss wissen: Ich habe viele Freunde innerhalb der angesprochenen Community. Und sie waren nach diesem Interview natürlich extrem enttäuscht von mir. Und als mir klar wurde, was ich getan hatte, ging ich zu jedem einzelnen von ihnen und entschuldigte mich von Angesicht zu Angesicht. Ich habe diese Entschuldigung zudem viele Male danach ausgesprochen, sowohl im Fernsehen als auch in anderen Medien. 

Ox: Das hört sich nach ehrlicher Reue an. 

Hank von Hell: Trotzdem stellt sich die Frage: Entschuldigt diese Reue mein Verhalten? Nein. Das tut sie nicht. Es wird dadurch nicht besser oder richtig. Überhaupt: Ich habe generell keine Entschuldigung für meine idiotischen und niederträchtigen Versuche, „lustig“ zu sein und kann nur sagen, dass ich – auch das sagte ich beispielsweise einmal – weder Putin noch irgendwelche neonazistischen Theorien über Rothschild unterstütze.

Nun kann jede*r diese Aussagen aufnehmen, wie er oder sie will. Vielleicht wurden sie auch auf Anraten des Management aus Angst von Boykotten und Konzertabsagen getätigt. Kann alles sein. In diesem Fall finde ich, dass die Länge der Aussagen des Musikers, der sich eigentlich gern in einen schützenden Ironie-Kokon verkriecht, durchaus für sich spricht. Ich nehme ihm sie ab.

Das Kapitel über Turbonegro würde ich natürlich im diese Informationen ergänzen, aber das geht beim Medium Buch schwer, zumindest wenn keine Neuauflage ansteht. Dennoch kann ich hier Ergänzungen tätigen und ein paar schöne Sachen posten, wie mein absolutes Lieblingslied von Turbonegro:

Titelfoto:Gergely Csatari/flickr.com/CC BY-SA 2.0

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